Tierheim Kandelhof

Ein Plädoyer für Straßenhunde!

Veröffentlicht am 14.07.2019
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Ein Plädoyer für Straßenhunde


Seit einigen Jahren nehmen auch wir Straßenhunde aus dem Ausland in unserem Tierheim auf, um sie in Deutschland in gute Hände zu vermitteln. Sicher können wir nicht alle Hunde retten. Unser Gedanke dabei aber,  wir können das Elend vor Ort etwas mindern, da durch die Aufnahme dieser Hunde in unserem Tierheim,  wertvolle Plätze in den Ursprungsländern frei werden.  
Immer wieder sorgt das Thema „Auslandshunde“ auch bei uns für Gesprächsstoff. Sitzen in deutschen Tierheimen nicht genügend Vierbeiner, deren Chance auf Vermittlung sich durch  Auslandshunde verschlechtert? Sind Straßenhunde nicht generell verhaltensgestört und bringen Krankheiten nach Deutschland? Geht es den Tieren im Ausland überhaupt so schlecht, dass man sich um sie kümmern muss?

Anfang dieses Jahres erhielten wir eine Einladung vom Verein strassenhunde-rumaenien-in-not.de/ mit Sitz in Abensberg. Dieser Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, möglichst vielen Straßenhunden zu helfen, indem zum einen  mit Hilfe von  Tierärzten/innen Kastrationen im Ursprungsland durchgeführt werden und zum anderen möglichst viele  Hunde für die Ausreise vorbereitet werden, um diese über Tierheime in ganz Deutschland in gute Hände zu vermitteln.


 
Wir mussten nicht lange überlegen, dieser Einladung zu folgen, denn nun ergab sich endlich die Möglichkeit, die Lage der Straßenhunde vor Ort persönlich zu sehen und einzuschätzen zu können, ob und in welchem Umfang Hilfe für diese Tiere notwendig ist.
Die Reise sollte nicht auf Kosten unseres Tierschutzvereins durchgeführt werden. So entschied sich unserer Tierheimleiterin Eva Hoyer in Absprache mit unserem Vereinsvorstand, in privater Initiative die Umstände vor Ort näher kennenzulernen.


Vier Tage Urlaub waren schnell geplant, alle Vorbereitungen getroffen und so ging es für unsere Eva Mitte Juni 2019 zusammen mit drei Helferinnen des o.g. Vereins  auf eine rund 15-stündige Fahrt Richtung Lugoi (Lugosch) / Rumänien. Schon am frühen Morgen bei der Ankunft wurde das Auto von Straßenhunden umlagert, die Hunde hatten Hunger und hofften auf etwas zu fressen … Mit Sonnenaufgang verschwinden die Tiere mehr und mehr vom Straßenbild. Bei Temperaturen von 40 Grad und höher liegen sie unter alten Baracken, unter Autos und Straßenbäumen, um wenigstens etwas Schatten zu haben.  Immer wieder werden die Hunde verjagt.


 
Am ersten Tag ging es in ein Tierheim in Faget, welches von zwei Tierschützerinnen vor Ort privat aufgebaut wurde. Von einer ehemaligen alten hübschen Villa ist nur noch ein verfallenes Gebäude zu sehen. Nur noch ein Zimmer ist bewohnbar, dort leben Lia und Nelly, sommers wie winters. Eine Heizung sucht man vergebens, der alte Ofen hat längst seinen Geist aufgegeben. Geld für Reparaturen ist nicht da. Strom und Wasser? Fehlanzeige. An der vorbeiführenden Straße gibt es einen Hydrant, von dort muss über Schläuche jeder Tropfen Wasser für Mensch und Tier auf das Tierheimgelände gepumpt werden. Der zum Haus gehörende Hof ist ca. 40 qm groß. Eine Fläche, die nur aus Schmutz und Steinen besteht. Kein grüner Rasen, keine Bäume, keine Beschattung. Ständig leben dort ca. 70 Hunde!!!! Es gibt keinen weiteren Auslauf, keine Spaziergänge. Sollten sich Hunde nicht vertragen, kommt es zu Beißerein,  müsse diese in kleinen Verschlägen separiert werden. Futter für die Tiere gibt es nicht in Schüsseln, wie wir es kennen. Das Futter wird über den Hunden ausgekippt, die cleversten Tiere bekommen das Meiste. Ängstliche Tiere gehen oft leer aus. Damit diese nicht verhungern, versuchen Lia und Nelly diese Tiere auf ein kleines, altes  Dach zu locken, um die armen Geschöpfe dort zu füttern.



365 Tage im Jahr, ohne Unterbrechung, oft bis zur Erschöpfung sind Lia und Nelly für ihre Tiere da. Alle Tiere die auf der Straße in Not sind oder von ehemaligen Besitzern einfach am Zaun angebunden werden, finden in diesem völlig überfüllten, kleinen, maroden  Tierheim, wo es an allem fehlt,  Unterschlupf. Werden die Tiere nicht aufgenommen, droht ihnen ein grausamer Tod durch Ertränken, Erschießen oder Verhungern. Viele kranke Tiere würden unter Schmerzen, einsam und langsam auf der Straße sterben.


Am nächsten Tag lernt unsere Eva eine Tierärztin kennen. Maria ist 30 Jahre jung, eine kleine, zierliche Person, die neben ihrer Arbeit in der Praxis, quasi Tag und Nacht Straßenhunde und Katzen kastriert, um weitere Welpen und damit viel Leid zu verhindern. Finanziert werden diese Kastrationsaktionen zum großen Teil aus dem Privatvermögen der jungen Tierärztin. Maria ist über jede Hilfe dankbar und so hilft Eva ein paar Stunden dabei, Tiere zu kastrieren. Wieder fällt auf, dass es an vielen Dingen fehlt. Ein Nachbar bringt junge Kätzchen, es mag sie nicht behalten. Auf die Frage, ob er denn nicht die Mutterkatze zum Kastrieren bringen wolle, gibt es ein klares Nein… Eva fragt Maria nach einer Transportbox für die kleinen Tiere. Maria reicht ihr einen Pappkarton…

Am letzten Tag der Reise, geht es nach Lugoi, in ein ebenfalls privat geführtes Tierheim. Daniel empfängt Eva und ihre Begleiterinnen trotz hochsommerlicher Temperaturen in völlig geschlossener Kleidung incl. Mundschutz. Daniel hat eine Hundehaarallergie. Dies hält den jungen Mann aber nicht davon ab, das Tierheim zusammen mit seinen Eltern, finanziert über Spenden, weiter auszubauen. Es gibt Hundezimmer mit jeweils einer Klappe nach draußen in einen Außenzwinger. Es gibt keine weiteren Auslaufmöglichkeiten und auch keine Spaziergänge. Dafür fehlt einfach die Zeit. Bei Daniel sind ständig ca. 60 Hunde untergebracht. Trotzdem ist diese Tierheim für dortige Verhältnisse schon um einiges moderner, als das kleine Tierheimgelände von Lia und Nelly in Faget. 

Mit dem Versprechen, wiederzukommen, treten die vier Mädels die Heimreise nach Deutschland an. 15 Stunden Fahrt durch die Nacht. Ankunft  am frühen Morgen. Von Straßenhunden die nach Futter betteln, in der Heimat keine Spur.


Fazit.


Ja, den Straßenhunden in Europa und der ganzen Welt muss geholfen werden. Vorrangig durch Kastrationsprogramme, Aufklärungsarbeit schon in den Schulen, Tierschutzgesetze müssen in den Ländern verbessert werden und es muss deutlich härtere Strafen bei dessen Missachtung geben. Bis all‘ diese Maßnahmen zu greifen beginnen und bis auch in den Köpfen der Menschen vor Ort eine Umdenken einsetzt, ist es noch ein weiter Weg. Tierheime werden weiterhin überfüllt sein, unschuldige Tiere werden sterben, wenn keine Plätze frei werden und die Tiere nicht vorübergehend Unterschlupf bei Lia, Nelly, Daniel und all den anderen großartigen Tierschützern  finden.

"Es ist die heilige Pflicht der Eltern, ihre Kinder zur Barmherzigkeit gegen Tiere anzuhalten, damit ihr Herz nicht verrohe." (Albert Schweitzer)



Wir werden deshalb auch weiterhin, im Rahmen unserer Möglichkeiten, ein paar dieser wundervollen Straßenhunde in unser Tierheim aufnehmen.


Diese Hunde haben selten Verhaltensstörungen, bringen keine ansteckenden Krankheiten mit, denn eine Ausreise wird nur erlaubt, wenn die Tiere in den Ursprungsländern tierärztlich untersucht und vollständig geimpft sind.  Geld erhalten die  Tierschutzorganisationen dafür keines. Wenn wir eine dieser Fellnasen dann später in Deutschland vermitteln, zahlt der neue Besitzer eine Schutzgebühr / Aufwandsentschädigung. Diese deckt meist gerade die Kosten für Unterbringung, Futter und tierärztliche Versorgung, während des Aufenthaltes in unserem Tierheim ab.  Ein dickes Geschäft mit dem Elend der Tiere gibt es unter seriösen Tierschutzorganisationen also nicht.


Manchmal sind die Hunde ängstlich, die ein vorübergehendes Zuhause in unserem Tierheim Kandelhof finden, meist aber lernen wir freundliche,  zauberhafte, liebenswerte, verschmuste und vor allem dankbare ehemalige Streuner jeden Alters kennen.

Die Jüngsten unter ihnen sind aufgeweckt, munter, verspielt und fröhlich. So wie alle Hundekinder auf der Welt. Sie haben das Unheil, welches ihnen widerfahren kann, noch nicht erleben müssen. (KG)  

"Wer in diesen Abgrund von Qual, welche die Menschen über die Tiere bringen, hineingeblickt hat, der sieht kein Licht mehr; es liegt wie ein Schatten über allem und er kann sich nicht mehr unbefangen freuen." (Albert Schweitzer)   

         

Zuletzt geändert am: 01.08.2019 um 08:11

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